Sylvia Green-Meschke

Die Reemtsma-Ausstellung

Propaganda oder historische Aufklärung?

Eine Netz-Darstellung der
(leider vergriffenen)
4., überarbeiteten und erweiterten Auflage



herausgegeben von der

Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft e.V.





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Kleine swg-Reihe, Heft 62

(c) 1999, Staats- und Wirtschaftspolitische Gesellschaft e.V.
Geschäftsstelle
Postfach 1143
25564 Lägerdorf


e-Mail: vorstand@swg-hamburg.de
Internet: www.swg-hamburg.de

ISBN 3-88527-087-0
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Vorwort zur 4., überarbeiteten und erweiterten Auflage


Diese Schrift fordert Gerechtigkeit für die Soldaten der Wehrmacht. Sie wendet sich an alle Staatsbürger, die sich nicht dem Zeitgeist beugen, die Verleumdung, Propaganda, Meinungsmanipulation und Demagogie ablehnen und die Darstellung von Gegenpositionen als grundlegend für jeden demokratischen
Diskurs erachten.
Zugleich appellieren die Herausgeber an die politisch Verantwortlichen, gemäß Grundgesetz ihre Obhutspflicht gegenüber Soldaten wahrzunehmen und die
Ehre zu unrecht Verleumdeter zu schützen.
Die Tatsache, daß Vertreter des öffentlichen Lebens jener privaten Ausstellung durch Wort und Tat einen offiziellen Charakter verleihen, daß sie in zahlreichen Begleitveranstaltungen gemeinsam mit in Verfassungsschutzberichten genannten Linksextremisten auftreten und daß Volksvertreter sich trotz leerer Kassen nicht scheuen, die Aussteller mit erheblichen Steuermitteln zu unterstützen, hat das Vertrauen vieler loyaler Bürger in den demokratischen Grundkonsens beschädigt. Dieser ist jedoch angesichts des seit Wochen tobenden Balkankrieges nötiger denn je zuvor!
Leider hält sich die Führung der Bundeswehr aus dem entstandenen Streit in
nicht nachvollziehbarer Zurückhaltung heraus und stellt damit die im Soldatengesetz vorgeschriebene Pflicht zur Kameradschaft infrage. Sie entzieht sich der Diskussion, obwohl die Bundeswehr von Wehrmachtssoldaten, also gerade den Kameraden der pauschal verleumdeten Generation, aufgebaut und mit großem Erfolg in den demokratischen Rechtsstaat integriert worden ist.
Unverständlich ist auch, daß die berechtigte Forderung des Ehrenvorsitzenden
der CDU, Dr. Alfred Dregger, nicht erfüllt wird, das Militärgeschichtliche Forschungsamt mit einer wissenschaftlich einwandfreien Stellungnahme zu den einseitigen, tendenziösen und methodisch unwissenschaftlichen Aussagen der Aussteller zu beauftragen.
So ist es nicht verwunderlich, daß die Kritik an der Reemtsma-Schau und den
sie tragenden Kräften immer deutlicher wird. Dies können die Aussteller auch
nicht dadurch verhindern, daß sie in Einzelfragen immer wieder Gerichte bemühen. Die sachliche Kritik wächst im übrigen trotz der Tatsache, daß die Medien sie überwiegend verschweigen. Insofern ermutigt und verpflichtet das breite Echo
auf die Aufklärungsaktionen der Staats- und Wirtschaftspolitischen Gesellschaft, das uns in Form von zahlreichen Unterstützungsangeboten, Spenden und Zuschriften erreicht.
(Reinhard Uhle-Wettler)
Vorsitzender

 

 

 

Die geschilderte Wahrheit ist
eine Teilwahrheit, die durch
Generalisierung zur Lüge wird.

Marion Gräfin Dönhoff

 

 

 

Inhalt



Grundfrage 6

Warum also noch eine Ausstellung? 6

Der Rahmen 7

Stimmen ehemaliger Kriegsgegner zur deutschen Wehrmacht 7

Pauschalverleumdungen durch Befürworter der Ausstellung 10

Randbedingungen des Krieges gegen die Sowjetunion 12

Partisanentätigkeit und Kriegsrecht 12

Ausmaß und Intensität des Partisanenkrieges 14

Sowjetische Verstöße gegen die Genfer Konvention von Beginn des Krieges an 15

Exkurs 21

Woher stammt das Material, nach welchen Kriterien wurde es ausgewählt? 23

Verfälschungen durch Heer 24

Dubiose Quellen 26

Fälschungen, Erpressungen 26

Kritik an der Reemtsma-Ausstellung auch aus dem heutigen Polen 28

Fazit 29

Literaturliste 31

Anhang 34

 

 

 

Grundfrage

Ist es nach einem so eindeutig und gründlich verlorenen Krieg, wie es der Zweite Weltkrieg für Deutschland und die Wehrmacht gewesen ist, überhaupt noch notwendig, Zusammenhänge historisch zu untersuchen und aufzuarbeiten? Die Frage muß mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Der Mensch kann seine Gegenwart, mehr noch die Zukunft nur dann zutreffend beurteilen bzw. gestalten, wenn er ausreichend über die Vergangenheit unterrichtet ist.
Die Notwendigkeit, sich mit der Rolle der Wehrmacht zwischen 1939 und 1945 zu beschäftigen, liegt also auf der Hand.
Schließt demnach die Reemtsma-Ausstellung über die deutsche Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion eine noch immer bestehende Lücke in der Berichterstattung? Dies ist mit einem klaren Nein zu beantworten!
Seit Ende des Krieges - angefangen bei den Nürnberger Prozessen - bis in die jüngste Zeit sind kontinuierlich Tatsachen aufgearbeitet worden. Zahlreiche Wissenschaftler haben sich des Themas mit unterschiedlichem Erfolg angenommen. „Weiße Flecke“ in der historischen Beurteilung gibt es schon längst nicht mehr.


Warum also noch eine Ausstellung?


Es ist viel darüber gemutmaßt worden, warum der Millionär und Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma mit seinem wissenschaftlich eher unscheinbaren privaten „Hamburger Institut für Sozialforschung“ die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-45“ initiiert hat. Häufig wird angeführt, Reemtsma handele aus einem verqueren Gefühl gegenüber seinem Vater, dessen Familie während des Dritten Reiches keineswegs im Gegensatz zu den Herrschenden gestanden, sondern damals in konsequenter Verfolgung geschäftlicher Interessen viele Millionen verdient hat.
Von dem Hauptverantwortlichen der Ausstellung, Hans Georg (genannt Hannes) Heer, wird gesagt, daß er gleichfalls ein gestörtes Verhältnis zu seinem Vater hat und eindeutig der linksradikalen Szene der 68er Jahre zuzurechnen ist. Seine damaligen Aktivitäten erschöpften sich nicht in oberflächlichem Sympathisantentum. Vielmehr „kämpfte“ er als marxistisch orientierter Student (SDS,“Gruppe Arbeitermacht“,“Rote Zelle“) und DKP-Mitglied oft genug an vorderster Front, was ihm unter anderem Verurteilungen wegen Landfriedensbruch, Nötigung, Hausfriedensbruch und anderer Delikte einbrachte. Sein Verteidiger war 1969 der SED-Staranwalt Kaul.
Man sollte derlei biographische Einzelheiten sicherlich nicht überbewerten, zumal wenn sie an die zwanzig Jahre zurückliegen.
Gewicht erhalten Details allerdings, wenn in der Gesamtbetrachtung der Ausstellung Indizien dafür auszumachen sind, daß es den Verantwortlichen weniger um eine sachliche Darstellung historischer Fakten als um wissenschaftlich und politisch fragwürdige Deutungen gehen könnte.

Insofern läßt aufmerken, daß Heer in der Einleitung des Ausstellungskataloges schreibt, die ehemaligen Generäle hätten - kaum daß Nazi-Deutschland besiegt war - mit der Fabrikation der Legende von einer „sauberen Wehrmacht“ begonnen, und fortfährt, es sei jetzt an der Zeit, sich von einer Lüge endgültig zu verabschieden. Einer Lüge, die Millionen deutscher und österreichischer Soldaten freispreche. Nunmehr wird die Vermutung konkreter, es gehe Reemtsma, Heer und seinen Mitarbeitern nicht um sachliche Aufklärung, sondern um neue Legendenbildung. Die bösartige Legende nämlich, die Wehrmacht in ihrer Gesamtheit sei eine verbrecherische Organisation gewesen. Sie habe einen als „Rassenkrieg geplanten und geführten“ (Rückseitentext des Kataloges) Kampf zu verantworten und sich des Mordes und der Ausplünderung schuldig gemacht, womit von vorneherein der Hungertod von Millionen Menschen einkalkuliert gewesen sei (Katalog Seiten 63,88).
Kommen zu provozierenden und verleumderischen Äußerungen dieser Art wissenschaftsmethodische Fragwürdigkeiten hinzu, verstärkt sich der Verdacht, die Ausstellung sei nicht als historische Aufarbeitung, sondern als politische Diffamierung konzipiert.
Da sich zudem die Diktion der Texte in nicht geringen Teilen im Bereich ehemaliger sowjetrussischer Propagandasprache bewegt, ist dies ein weiteres Indiz dafür, daß das frühere geschlossene prokommunistische Weltbild von Hannes Heer offenbar noch heute nachwirkt - nachhaltig. In diesem Falle behalten auch frühere Aktivitäten Heers Bedeutung, und Mutmaßungen, er verfolge einen erkennbaren Zweck mit seiner Schau, sind gerechtfertigt.



Der Rahmen

Um zu einem endgültigen Urteil über die Anti-Wehrmachtsausstellung zu kommen, ist es jedoch zunächst notwendig zu untersuchen,

– welche anderen Stimmen es zur Rolle der Wehrmacht gib ,

– welche Randbedingungen in der Zeit des Krieges gegen die Sowjetunion herrschten,

– woher das Material der Ausstellung stammt und nach welchen Kriterien es ausgewählt worden ist.


Stimmen ehemaliger Kriegsgegner zur deutschen Wehrmacht

Selbst in den Nürnberger Prozessen, die kurz nach dem Kriege noch vollständig unter dem Eindruck der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges standen, ist es nicht zu einer pauschalen Verurteilung der Wehrmacht als einer „verbrecherischen Organisation“ gekommen. Es gab einzelne Schuldzuweisungen - und damit verbunden Todesurteile: gegen Göring, Jodl, Keitel -, aber keinen Kollektivschuldausspruch gegen „die“ Wehrmacht.

„Ob wir in Afrika, in Italien oder in Frankreich auf die deutsche Wehrmacht stießen, immer fanden wir in ihr einen anständigen Gegner. Der deutsche Soldat hat unter Verhältnissen von unvorstellbarer Grausamkeit seiner Gegner ein großes Maß an Zurückhaltung und Disziplin an den Tag gelegt. Was mich betrifft, so bin ich froh darüber. Wenn Europa überhaupt zu verteidigen sein soll, so müssen diese anständigen Soldaten unsere Kameraden werden“.
Reginald T. Paget, britischer Jurist

„Inzwischen habe ich eingesehen, daß meine damalige Beurteilung der Haltung des deutschen Offizierskorps und der Wehrmacht nicht den Tatsachen entspricht, und ich stehe daher nicht an, mich wegen meiner damaligen Auffassung zu entschuldigen. Der deutsche Soldat hat für seine Heimat tapfer und anständig gekämpft. Ich für meinen Teil glaube nicht, daß der deutsche Soldat als solcher seine Ehre verloren hat. Die Tatsache, daß gewisse Individuen im Kriege unehrenhafte und verächtliche Handlungen begangen haben, fällt auf die betreffenden Individuen selbst zurück und nicht auf die große Mehrheit der deutschen Soldaten und Offiziere“.
Dwight D. Eisenhower, erster Nachkriegs-Präsident der USA

„Verneigen wir uns vor den Deutschen, die in diesem Kampf gefallen sind. Ihre Söhne bezeugen wie die unseren, daß eine neue Zeit beginnt“.
François Mitterand, ehemaliger Staatspräsident von Frankreich

„Die Auffassung der verantwortlichen Aussteller über die Verbrechen der Wehrmacht teile ich nicht. Ohne Zweifel hat es auch innerhalb der Wehrmachtsverantwortung schwere Verbrechen gegeben. Es ist gut, davor nicht die Augen zu verschließen, so hart es ist. Andererseits wird im Zusammenhang mit der Ausstellung ein Pauschalurteil gefällt, das historisch, moralisch und menschlich nicht aufrechtzuerhalten ist“.
Richard v. Weizsäcker, ehemaliger Bundespräsident

„Als Soldat der Kriegsmarine habe ich in den Kampfgebieten des Ersten und Zweiten Weltkrieges gedient. Die deutschen Marinestreitkräfte waren leistungsfähige, ehrenvolle und ritterliche Gegner, vor denen wir hohen Respekt hatten“.
T.G.W. Settle, Vizeadmiral der US-Kriegsmarine im 2. Weltkrieg

„Respekt für einen Feind zu haben, ist nicht leicht. Respekt muß verdient werden ... britische Veteranen sind berechtigt zu einer Beurteilung: In dieser Ausstellung werden alle Wehrmacht-Soldaten pauschal als Kriminelle gebrandmarkt. Mir ist bekannt, daß manche Wehrmacht-Soldaten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben und daß sie dafür verurteilt werden sollen .... Wir britischen Veteranen, die gegen ... deutsche Soldaten ... gekämpft haben ..., unterstützen sie und sprechen uns für ihre Verteidigung aus“.
S.A. Brandshaw, Major a.D. der brit. Armee

„Es hat in unserer Zeit noch einige ganz große Leistungen gegeben, zum Beispiel die Deutschen in Stalingrad. Sie standen für einen unsinnigen Befehl, einen irrsinnigen Befehl. Aber was sie geleistet haben, ist vorbildlich“.
Jean Lattre de Tassigny, General der franz. Armee

„Die Kampftüchtigkeit der deutschen Soldaten und Offiziere, ihre fachliche Ausbildung und Gefechtserziehung erreichten in allen Waffengattungen ... ein hohes Niveau. Der deutsche Soldat ...war ausdauernd, selbstsicher und diszipliniert ... was die höheren Stäbe der deutschen Wehrmacht in der ersten Phase des Krieges angeht, so hatte ich eine recht hohe Meinung von ihnen“.
G.K. Schukow, Marschall der Sowjetarmee

„Reiste man nach dem Krieg durch die befreiten Länder, so hörte man allenthalben das Lob der deutschen Soldaten - und nur zu oft wenig freundliche Betrachtungen über das Verhalten der Befreiertruppen. Es hatte sogar den Anschein, daß der durch die Besatzung bewirkte enge und lange Kontakt eher ein besseres Verhältnis zwischen den einfachen Leuten beider Seiten gebracht hatte als die Vertiefung von überkommenem Vorurteil und Haß“.
Sir Basil Liddell Hart, brit. Militärschriftsteller und -historiker

„Was ihr Deutschen braucht, ist mehr Selbstachtung und Patriotismus, ihr habt das Recht dazu. Ihr seid ein großes Volk, das der Welt unermeßliche Kulturschätze geschenkt hat, Schätze der Wissenschaft und Kunst. Ihr habt in der Wehrmacht eine Armee gehabt, welche die Welt bewundert“.
Vernon Walters, Offizier im 2. Weltkrieg und ehemaliger US-Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland

Diese Stimmen aus aller Welt (nur ein sehr kleiner Ausschnitt aus dem großen Spektrum) werten naturgemäß unterschiedlich, betonen in ihrer Gesamtbeurteilung deutscher Soldaten jedoch eindeutig Disziplin und Anständigkeit der Armee. Mögen sie sich teilweise auch auf den unter anderen Umständen geführten Krieg im Westen beziehen, so sind doch auch Expertenurteile von Eisenhower über Liddell Hart bis Schukow darunter, die dezidierte Kenntnisse über alle Kriegsschauplätze haben.



Pauschalverleumdungen durch Befürworter der Ausstellung

Nachkriegsautor Heer weiß es indes anders: „Mordlust und Sadismus, Gefühlskälte und sexuelle Perversion konnte man nicht befehlen, den brachten große Teile der Truppe mit“. Befehle ihrer Kommandeure hätten ihr die Gelegenheit gegeben, „dieses Triebpotential auszureagieren“ (Seite 64 des Begleitbandes).

Auch hier ähnelt der Tenor Heers - abgesehen von seinem Vokabular der 90er Jahre - wiederum auf verblüffende Weise der Propagandasprache der ehemaligen Sowjetunion. Im Herbst 1941 zum Beispiel, wenige Monate nach Kriegsbeginn, verwendete der sowjetische Kriegskommissar Musev der Politischen Hauptverwaltung der 22. Armee jene agitatorische Wortwahl, die sich durch die gesamte Sowjetpropaganda zieht: Das deutsche Heer sei eine zuchtlose Bande von Räubern, Dieben und Säufern ... dazu aufgerufen ... straflos zu plündern, die wehrlose Bevölkerung zu töten, Frauen zu vergewaltigen, Städte und Dörfer zu zerstören und zu verbrennen (J. Hoffmann, Stalins Vernichtungskrieg 1941-45, München 1995, S.88).
Daß Musev damit einem der höchsten Offiziere seiner eigenen Streitkräfte widerspricht (siehe oben), scheint Hannes Heer nicht aufzufallen, oder er weiß es nicht, oder ihn schert dieser offensichtliche Gegensatz nicht.
Tatsache ist aber, daß bereits die Mächtigen der Sowjetunion stets den Unterschied zwischen Agitation/Propaganda einerseits und Fakten andererseits kannten. Zahlreiche Fachveröffentlichungen aus dem militärischen Bereich auch früherer Zeiten bestätigen das; die heutigen Rehabilitierungsverfahren für damals verurteilte deutsche Kriegsgefangene sind ein später, aber überzeugender Beweis dafür.

Nur Hannes Heer und seine Mitstreiter von Naumann bis Reemtsma verharren in einem von ihnen selbst geschaffenen Argumentationskäfig, aus dem sie sich nicht befreien wollen (weil dann ihre „Beweisführung“ zusammenbricht) oder können (weil ihnen der historische Hintergrund fehlt):
„Man muß die Wehrmacht zu einer Mordorganisation erklären. Dies ist das Ende der Legende vom ‘sauberen Krieg’ einer ‘anständigen Armee’. Und ich glaube auch, daß alle Soldaten von Verbrechen gewußt haben“.
Hannes Heer im HAMBURGER ABENDBLATT vom 6.3.95

„Die deutsche Armee war eine Blutwalze. Leergemordete psychiatrische Krankenanstalten, Alleen Erhängter, Gebirge von Leichen säumten die Bahn“.
Feuilletonchef Fritz Raddatz in DIE ZEIT vom 13.10.89

„Die Wehrmacht war die größte Mord- und Terrororganisation in der deutschen Geschichte“
Redakteur Erenz in DIE ZEIT Nr. 6 1992

„Wehrmacht und Holocaust - das durfte bislang nicht zusammengehören. Nach dieser Ausstellung ist eine solche Trennung nicht mehr möglich. Man schaue sich die Täter von damals an. Es sind sehr oft Milchgesichter, frische Burschen, achtzehn, zwanzig Jahre alt“.
Redakteur K.-H. Janßen in DIE ZEIT vom 17.3.95

Stimmen wie diese machen deutlich, daß es den Befürwortern der Ausstellung eben doch um eine kollektive, undifferenzierte Schuldzuweisung an eine ganze Generation geht. Es ist nicht verwunderlich, daß die Empörung der Betroffenen –
der Soldaten, die das ganze Leid des Krieges und vielleicht noch einer Zeit der Gefangenschaft erlebt haben – darüber gelegentlich verbal überpointiert ausfällt. Das wiederum wird von anderer Seite (z.B. DUDA Extra, Mai 97, Asta-Zeitschrift der Universität Kiel) sogleich als Nähe zum offenen Rechtsextremismus diffamiert.
Grob gerasterte Meinungsgegensätze solcherart waren angesichts des Themas zu erwarten. Ist der Verdacht wirklich abwegig, daß aufbrechende Konflikte zwischen den Generationen vielleicht von den Ausstellungsmachern gewollt waren?
In jedem Falle zeigen sie auf, in welch erheblichem Maße die Heer-Schau zur Polarisierung statt zur Aufklärung beiträgt.


Randbedingungen des Krieges gegen die Sowjetunion

Partisanentätigkeit und Kriegsrecht

Der Krieg zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion ist sicherlich mit größerer Härte geführt worden, als der zwischen Deutschland und den Westalliierten - das gilt zweifelsfrei für beide Seiten während der Kämpfe im Osten.
Diese Wertung beinhaltet nicht, daß Verstöße gegen das Menschenrecht, Grausamkeiten und Kriegsverbrechen gegeneinander aufgerechnet werden sollen. Eine sachgerechte Aufhellung der tatsächlichen Ereignisse ist jedoch nicht möglich, wenn nicht die besondere Spielart des Krieges im Osten, der Partisanenkampf, näher betrachtet wird.
Nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 hatten „Kombattanten“ insbesondere ihre Waffen offen zu führen und mußten bereits aus der Ferne durch Abzeichen zu erkennen sein. Andernfalls standen sie als irregulär Kriegsführende, als „Partisanen“ außerhalb der Rechtsordnung. In den Genfer Konventionen von 1929 war geregelt, wie Kriegsgefangene zu behandeln seien. Die Sowjetunion hatte unter Lenin die Haager Landkriegsordnung aufgekündigt, der Genfer Konvention war sie gar nicht beigetreten.
Beide Entscheidungen lassen den Schluß zu, daß die Sowjetunion nicht beabsichtigte, sich im Kriegsfalle völkerrechtskonform zu verhalten. Erste eindeutige Parteibefehle bereits kurz nach Beginn des deutschen Angriffs bestätigen diesen Eindruck.

Heer jedoch stellt in seinem Ausstellungskatalog dem Bildteil über „Die Partisanengefahr“ die Behauptung voran: „Der deutsche Schrecken hatte Folgen. 1942 entwickelte sich nun tatsächlich eine breite Widerstandsbewegung“.

Stalin und das Zentralkommitee der KPdSU haben jedenfalls bereits im Sommer 1941 die Bedeutung des Partisanenkrieges erkannt. Die KPdSU forderte am 26.6.41 (eine Woche nach Beginn des deutschen Angriffs) Partei- und Sowjetorgane auf, alle Kräfte der sowjetischen Bevölkerung zum Kampf gegen die Deutschen zu mobilisieren und einen allumfassenden Volkskrieg im Hinterland des Feindes zu organisieren. Am 3. Juli werden ein gleichlautender Aufruf von Stalin über den Rundfunk verbreitet und sogenannte „Vernichtungsbataillone“ aufgestellt, die das Hinterland der Roten Armee sichern und gegebenenfalls auch „im Rücken des Feindes“ aktiv werden sollten.
Am 17. November 1941 erläßt schließlich Stalin den Befehl Nr. 0428 (den sogenannten „Fackelmänner-Befehl“) archiviert unter Serie 429, Rolle 461 im Nationalarchiv Washington:

„Die Stawka des Obersten Befehlshabers befiehlt:

1. Alle Siedlungspunkte, an denen sich deutsche Truppen befinden, sind bis auf 40 bis 60 Kilometer ab der Hauptkampflinie in die Tiefe zu zerstören und in Brand zu setzen, 20 bis 30 Kilometer nach rechts und links von den Wegen. Zur Vernichtung der Siedlungspunkte in dem angegebenen Radius ist die Luftwaffe hinzuzuziehen, sind Artillerie- und Granatwerfer großflächig zu nutzen, ebenso die Kommandos der Aufklärung, Skiläufer und Partisanen-Diversionsgruppen, die mit Brennstofflaschen ausgerüstet sind. Die Jagdkommandos sollen, überwiegend aus Beutebeständen in Uniformen des Deutschen Heeres und der Waffen-SS eingekleidet, die Vernichtungsaktionen ausführen. Das schürt den Haß auf die faschistischen Besatzer und erleichtert die Anwerbung von Partisanen im Hinterland der Faschisten. Es ist darauf zu achten, daß Überlebende zurückbleiben, die über „deutsche Greueltaten“ berichten können.
2. Zu diesem Zweck sind in jedem Regiment Jagdkommandos zu bilden in Stärke von 20 bis 30 Mann, mit der Aufgabe, Sprengung und Inbrandsetzung der Siedlungspunkte durchzuführen. Es müssen mutige Kämpfer für diese Aktionen der Vernichtung von Siedlungspunkten ausgewählt werden. Besonders jene, die hinter den deutschen Linien in gegnerischen Uniformen Siedlungspunkte vernichten, sind zu Ordensverleihungen vorzuschlagen. In der Bevölkerung ist zu verbreiten, daß die Deutschen die Dörfer und Ortschaften in Brand setzen, um die Partisanen zu bestrafen“.

Abgesehen von der unglaublichen Brutalität, mit der die Rote Armee hier auf ausdrücklichen Befehl Stalins gegen die eigene Bevölkerung vorgeht, sind zwei Punkte dieses Befehls besonders bemerkenswert:

– Ohne Zweifel waren derartige Aktionen geeignet, den „Haß auf die faschistischen Besatzer zu schüren“ und Partisanentätigkeit in der Folge anzufachen und zu intensivieren.

– Zum zweiten erhebt sich zwangsläufig die Frage, wie viele Bilder aus sowjetischen Archiven, die angeblich von Wehrmacht oder SS malträtierte Menschen und brennende Dörfer zeigen, in Wirklichkeit die fürchterlichen Aktivitäten der Spezialtruppe der Roten Armee zeigen.

Der Historiker Joachim Hoffmann merkt zum „Fackelmänner-Befehl“ zwar an, er könne die Anweisung, deutsche Uniformen zu verwenden, nicht bestätigen (er bezieht sich damit vermutlich vor allem auf das Buch „Stalin - Triumph und Tragödie“ von Dimitrij Wolkogonow, der diesen Passus nicht bringt), aber es gibt Bildmaterial, das die Verwendung deutscher Uniformen ausweist. Genannt sei ein Film offensichtlich sowjetischer Herkunft am 22.5.97 im TV-Kanal ARTE, der sowjetische Partisanen in deutschen Uniformen zeigt, und eine Photographie aus dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, ADN-Zentralbild, die zeigt, wie toten deutschen Soldaten die Uniformen ausgezogen werden.
In einer als „geheim“ gekennzeichneten „Information des Oberkommandos des Heeres/Abt. Fremde Heere Ost Nr. 10315/43 geh. vom 8.12.1943, zu verteilen an „Divisionen und gleichartige Dienststellen“, heißt es unter Punkt „III. Sondergruppen der Roten Armee im besetzten Gebiet ... und Zusammenarbeit mit den Banden (Anm.: gemeint sind Partisanen)“ im 3. Absatz über Ausrüstung und Bewaffnung: „Größere Aufklärungsgruppen tragen überwiegend sowjetische Uniformen, Sondergruppen und kleinere Aufklärungstrupps hingegen oftmals Zivilkleidung oder Uniform- und Ausrüstungsstücke des Gegners“.

Auch dieser Erfahrungsbericht über die Partisanentätigkeit geht folglich von der Verwendung deutscher Uniformen im Rahmen der Aktionen aus, kann damit also als Bestätigung des Absatzes 1. aus dem „Fackelmänner-Befehl“ gelten.

Ausmaß und Intensität des Partisanenkrieges

Verschiedene sowjetische Stellen haben selbst „Erfolgsdaten“ über die Partisanentätigkeit ab 1941 veröffentlicht.

Das Standardwerk „Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetunion“, Band 6, des Instituts für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der KPdSU (Hrsg.) nennt „Erfolgszahlen“ sowjetischer Partisanen im Hinterland der deutschen Truppen:

Getötete, verwundete und gefangene deutsche Soldaten 1 500 000
Anzahl der zur Entgleisung gebrachten Eisenbahntransporte 21 295
Vernichtete Panzer und gepanzerte Fahrzeuge 4 112
Vernichtete Geschütze 2 015
Vernichtete Flugzeuge 428
Vernichtete Kraftfahrzeuge 45 211
Vernichtete und eroberte Lager 2 580

Nun kann man mit einiger Sicherheit davon ausgehen, daß diese Zahlen zur Betonung eigener Erfolge übertrieben und im übrigen in der Zusammenfassung Getöteter, Verwundeter und Gefangener ohnehin irreführend sind. In derselben Reihe spricht der ehemalige Generalstabsoffizier und Militärhistoriker B.S. Telpuchowski an anderer Stelle von 500 000 deutschen Soldaten, die weißrussische Partisanen in drei Kriegsjahren „beseitigt“ hätten. Der Historiker Prof. Seidler verweist auf die offizielle Geschichte des Partisanenkrieges „Sowetskie Partisani“ (1961), die ebenfalls von der Zahl 500 000 ausgeht; eine Art „Zwischenbilanz“ nennt 300 000 Tote bis 1944. Die Zahl der Teilnehmer an Partisanenaktivitäten werden mit maximal 1,9 Millionen angegeben. In der sowjetischen „Zeitschrift für Militärgeschichte“ (1982, S.72) wird über den Partisanenkampf von 1941-43 zitiert, die Partisanenbewegung auf dem jeweils okkupierten Territorium sei vom ersten Tage des Krieges an ein fester Bestandteil des heroischen Kampfes gegen die faschistischen Aggressoren und ihre Satellitenstaaten gewesen.

Die – nachweisbaren – Einzelheiten über Art und Zeitpunkt sowjetischer Partisanenbefehle sowie Daten über „Erfolge“ und Anzahl der Partisanen zeigen auf, daß Heer mit seinen Wertungen erneut mindestens zu kurz greift.
Seine Interpretation, brutales Vorgehen von sowjetischer Seite sei nur die Reaktion auf deutsche Aktionen bis 1942 gewesen bzw. um einen „Partisanenkrieg“ habe es sich erst ab 1943 gehandelt, geht an den Tatsachen vorbei. Zwar führt Heer als Beweis für seine Behauptung über einen von der deutschen Armee geführten Partisanenkrieg, ohne daß es zunächst Partisanen gegeben habe, zwei Beiträge aus der „Wehrkunde“ von 1955 an. Diese Beiträge sagen aber gerade das Gegenteil aus. So schreibt Herbert Golz auf Seite 140: „Wenn man im Jahre 1941 auch nur über einige Erfahrungen in der Bandenbekämpfung verfügt hätte, würden geringe Anstrengungen genügt haben, um die Feindbanden schon in ersten Anfängen bekämpfen zu können“. Im selben Band urteilt Hellmuth Kreidel (Seite 380), auf zahlreichen Verbänden der Wehrmacht habe „während der Jahre 1941-44 das Schwergewicht der Partisanenbekämpfung gelegen“. Im übrigen sind nach der Statistik im ersten Kriegsjahr 95 % der deutschen Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft umgekommen, nur 5 % haben überlebt.

Um es noch einmal zu betonen: Es geht hier nicht um die Aufrechnung wechselseitiger Verbrechen oder auch nur Kriegshandlungen. Es geht darum, daß Heer wiederum Tatsachen willkürlich interpretiert bzw. ignoriert oder unzulässig überhöht.

Sowjetische Verstöße gegen die Genfer Konvention von Beginn des Krieges an

Auch bei Vermeidung jeder emotionalen Beurteilung in der Berichterstattung drängt sich der Verdacht auf, daß die Weigerung der Sowjetunion, der Genfer Konvention beizutreten, ersichtlich einen kalkulierten Hintergrund hatte. Denn Dokumente bereits aus den ersten Kriegsmonaten legen Zeugnis von möglicherweise geplanter, mindestens aber offenkundiger Grausamkeit sowjetischer Truppen (oder Partisanen) gegenüber deutschen Soldaten bzw. Kriegsgefangenen ab.
Der (um Formalia gekürzte) Text der folgenden Dokumente ist dem Buch „Verbrechen an der Wehrmacht“ des Historikers Prof. Franz Seidler entnommen, der aus der Unzahl vergleichbarer Vorfälle über 300 nachweisbare aufgezeichnet hat. Der Wortlaut der Texte kann im Bundesarchiv / Militärarchiv Freiburg unter der Signatur RW 2 / v. 147 - v. 152 nachgeprüft werden.

Dokument zum Fall 006
Gericht der 217. Division Div. St. Qu., den 8. Sept. 1941

Als Zeuge erschienen Div.-Pfarrer Arnold Bohle:
„Am 23. Juni 1941 (Anm. d. Autors: einen Tag nach Beginn des deutschen Angriffs) sah ich 3 km nordostwärts Endriejavas (östlich von Memel) auf dem Hofe eines Gehöfts an der Straße zwei tote deutsche Soldaten. Mir fiel ihre eigenartige Lage auf, so daß ich Halt machte, um nach der Art ihrer Verletzungen zu sehen.
Der eine der beiden Gefallenen hatte eine Wunde am Oberschenkel, die verbunden war. Sein Tod war offensichtlich aber herbeigeführt durch mehrere Bajonettstiche in die Brust, die ihm beigebracht (worden) sein müssen, während er auf dem Rücken lag. Denn die Vorderseite der Uniform wies nur die Einstiche auf, während der ganze Rück«t0»enteil blutdurchtränkt war.
Der andere war offenbar leicht am Kopf verletzt gewesen, eine Mullbinde war einige Male um seinen Kopf gelegt. Ihm war(en) durch einen Schlag mit dem Gewehr Nasenwurzel und Augenpartie völlig zertrümmert. Der Hieb ist mit dem umgedrehten Gewehr geführt worden und mit einer derartigen Wucht, daß der Kolben abgebrochen war. Getroffen hat der Schloßteil des Gewehres, der Sicherungsflügel hatte eine deutlich sichtbare Auszackung des Wundrandes in der rechten Augenbraue verursacht. Aus der Lage der beiden Toten und aus der Art ihrer Wunden geht hervor, daß sie ermordet worden sind, nachdem ihre ersten Verwundungen verbunden (worden) waren“.

Ein weiterer Wehrmachtspfarrer und ein Gefreiter bestätigen mit ihrer Zeugenaussage, daß dem einen Toten beide Augen ausgeschlagen worden sind, eine Photographie dokumentiert die Aussagen zweifelsfrei.

Dokument zum Fall 045
Gericht der 21. Inf. Division
Erschienen der Zeuge Oberarzt Dr. Lindner
Der Arzt beschreibt, daß er einen verwundeten Soldaten am 13. oder 14. Juli ärztlich versorgt habe, ihn aber wegen angreifender russischer Soldaten habe zurücklassen müssen, nachdem er ihn ungefähr 250 m auf dem Rücken in eine Mulde getragen habe. Nachdem das Gebiet zurückerobert worden sei, habe er mit Krankenträgern den Verwundeten erneut bergen wollen, fand aber nur einen Toten vor. Der Arzt fährt in seiner Aussage fort:
„Äußerlicher Leichenbefund: Außer der oben beschriebenen Schußverletzung am linken Oberarm wies T. am linken Rippenbogen eine etwa handflächengroße klaffende dreieckige Wunde auf. Die Wunde muß mit einem messerartigen Instrument, mit einem Seitengewehr o.ä. dem T. beigebracht worden sein; die untersten Rippen ragten z.T. aus der Wunde hervor“.
«t0»Im weiteren beschreibt der Arzt, daß sich gleichfalls Teile der Leber außerhalb des Körpers befanden und daß er aufgrund des Augenscheins davon ausgehe, daß diese Teile mit den Händen herausgerissen und zerfetzt worden seien.
Ein anderer Toter im selben begrenzten Gebiet wies nach Aussage des Arztes neben anderen, die Muskulatur freilegenden Wunden einen gespaltenen Schädel, Bajonettstiche, Einschußlöcher, eine fast abgetrennte Hand und Verletzungen in der Analregion auf.

Beispiele dieser Art wären beliebig fortzusetzen - ausgeschlagene und ausgestochene Augen, totgetrampelte oder im Genitalbereich verstümmelte Soldaten, aus Lazaretten geholte und erschlagene Verwundete -, wobei die Fälle sämtlich durch mehrere Zeugenaussagen, häufig durch Ärzte und teilweise zusätzlich durch Photos nachgewiesen sind. Alle Fälle haben sich ganz kurz nach Kriegsbeginn bzw. mindestens noch im ersten Kriegsjahr 1941 abgespielt.

Es soll hier nicht argumentiert werden, daß derartige Entsetzlichkeiten in irgendeiner Weise zu Vergeltung von deutscher Seite führen mußten, obwohl es in der Ausnahmesituation, wie sie während des Krieges gegen die Sowjetunion bestand, vielleicht psychologisch erklärbar gewesen wäre.
Es soll lediglich dokumentiert werden, daß Heers Behauptung falsch ist, Übergriffe der Roten Armee oder von Partisanen hätte es erst seit Ende 1942 bzw. 43 als Reaktion auf den „deutschen Schrecken“ gegeben.

Sollte Heer so oberflächlich recherchiert haben, daß ihm die tatsächliche Lage nicht bekannt gewesen ist? Dann hätte seine Ausstellung keinerlei Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, was im übrigen auch die Meinung zahlreicher seriöser Historiker ist.
Allerdings ist es - auch wenn man die wissenschaftlichen Qualitäten Heers anzweifelt - wenig glaubhaft, daß seine Informationsbasis tatsächlich derart unzulänglich gewesen sein könnte. Der Rückschluß daraus würde wiederum bestätigen, daß der Zweck seiner Bilder- und Textansammlung nicht Aufklärung, sondern Verleumdung und Diffamierung der Wehrmacht in ihrer Gesamtheit und damit der ganzen Generation damaliger Soldaten gewesen ist.

Daran schlösse sich die Frage an, ob es ihm darüber hinaus um die Verleumdung der Generation geht, die Deutschland nach dem Kriege wieder aufgebaut hat - nach Heers 68er-Beurteilung aufgebaut im Sinne des von ihm zumindest damals offenkundig verabscheuten und vielleicht seiner Meinung nach noch heute zu bekämpfenden imperialistischen Kapitalismus.


Exkurs


Es hat einzelne Bereiche gegeben - die ostpolnischen Gebiete etwa, die Stalin im Zuge des Paktes mit Hitler gerade besetzt und „gesäubert“ hatte - , in denen zunächst kaum eine Partisanentätigkeit zugunsten des sowjetischen Diktators zu verzeichnen war. Selbst 1943 ist die Rekrutierung von Partisanen hier und da - aufgrund des manchmal eher friedfertigen Verhältnisses zwischen deutschen Besatzern und russischer Bevölkerung - auf Hindernisse gestoßen.
Im April 1943 gibt zum Beispiel der NKDW-Leiter des Stalingrader Gebiets noch einen streng geheimen Sonderbericht an den Sekretär des Stalingrader Gebietskommitees der WKP über „das ... negative ...Verhalten der Jugendlichen in den besetzten Bezirken des Stalingrader Gebietes“ weiter. Er schildert darin, daß die Besatzer statt „Massenrepressalien“ eine „Politik der Annäherung zu Jugendlichen und Komsomolzen“ betrieben. Es sei aufgrund „mangelnder ideologischer Standfestigkeit“ teilweise sogar zum Verrat gekommen, wobei die Hauptursache solchen Benehmens die gute technische Ausrüstung und „die mustergültige Disziplin der deutschen Wehrmacht“ gewesen sei. Die „festen Beziehungen der meisten weiblichen Jugendlichen zu den Offizieren und Soldaten“ basiere auf dem Einfluß „der profaschistisch gesinnten und moralisch zersetzten Elemente unter den Erwachsenen“.

Nach annähernd zwei Kriegsjahren waren also in gewissem Umfang noch friedliche, wenn nicht gar freundliche Beziehungen zwischen deutschen Besatzern und der Bevölkerung möglich - sehr zum Unwillen des sowjetischen NKDW selbstverständlich, der seinerseits allzu häufig zu brutalen Mitteln der Repression gegenüber den eigenen Landsleuten gegriffen hatte.

Fakten dieser Art fügen sich sichtlich nicht in das Schema der Reemtsma-Ausstellung. Ebensowenig wie der Truppenbefehl des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe A, Generalfeldmarschall Wilhelm List.
Selbstverständlich zitiert Heer auf Seite 78 des Kataloges den in der Tat menschenverachtenden Reichenau-Befehl, aber Lists Anweisung - nicht die einzige dieser Art innerhalb der deutschen Wehrmacht - findet keinen Platz in seinem Textteil.

Lists Befehl an die „in den Kaukasus einrückenden Truppen ... bekanntzugeben bis zu den Kompanien“ hat folgenden Wortlaut:
Die Truppen haben:
1. die kaukasische Bevölkerung, außer wenn sie sich deutschfeindlich zeigt, wie befreundete Völker zu behandeln;
2. den Bestrebungen der Gebirgsbevölkerung, das Kollektiv-System aufzuheben und die Kolchose-Wirtschaft abzuschaffen, keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen;
3. die Wiedereröffnung der Gotteshäuser jeglicher Konfession und die Pflege der Gottesdienste, Sitten und Gebräuche zu erlauben;
4. das Eigentum zu achten und requirierte Güter zu bezahlen;
5. durch vorbildliches Verhalten das Vertrauen einer Bevölkerung zu gewinnen, deren Mitarbeit in einem schwer zu kontrollierenden Gebirge militärisch von
großer Bedeutung ist und das weitere Vorrücken der deutschen Truppen wesentlich erleichtern kann;

6. alle notwendigen harten Kriegsmaßnahmen der Bevölkerung gegenüber zu begründen;
7. insbesondere die Ehre der kaukasischen Frauen zu achten.

Für die Durchführung dieses Befehls sind alle Offiziere verantwortlich.
gez.
Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe

Der Befehl ist sicherlich - insbesondere Punkt 5 - von Nützlichkeitserwägungen bestimmt; aber es wird von keinem Historiker bestritten, daß ähnliche Verhaltensmaßregeln auch von anderen Befehlshabern ergangen sind und zudem allgemeiner gehaltene, im Grundton jedoch vergleichbare Anweisungen in schriftlicher Form an alle Soldaten der Armee ausgegeben wurden.

Daß es auch in der Rückzugsphase des deutschen Heeres noch freundschaftliche Beziehungen zwischen deutschen Soldaten und der Bevölkerung gegeben hat, läßt sich sogar durch Bilder nachweisen.
Der Militärschriftsteller Paul Carell bringt in seinem Bildband „Der Russlandkrieg“, der keineswegs eine heroisierende Darstellung des Krieges darstellt, unter der Kapitelüberschrift „Verbrannte Erde - der Rückzug zum Dnjepr“ auf den Seiten 358/59 und 426/27 Bilder von Zivilbevölkerung, die offenkundig lieber mit dem Besatzer flieht, als sich der „Befreiung“ durch die Sowjets auszusetzen. Vergleichbares zeigt der polnische Militärschriftsteller Janusz Piekalkiewicz in seinem Bildband „Der zweite Weltkrieg“ auf der Seite 775, und auch die damalige Wochenschau präsentiert erschütternde Bilder von russischen Flüchtlingstrecks, die sich den nachrückenden Sowjets zu entziehen versuchen. Welche Vergeltungsmaßnahmen gegenüber den unglücklichen Flüchtlingen später von der herrschenden Sowjetmacht ergriffen worden sind, ist aus den Büchern Solschenizyns und anderer bekannt.

Es ist schlechterdings nicht vorstellbar, daß eine Armee, die sich in ihrer Gesamtheit als „Blutwalze“ und als „größte Mord- und Terrororganisation“ (siehe Seite 11) erwiesen haben soll, beim Rückzug freiwillig von der Bevölkerung des Landes begleitet wird.

Anzumerken wäre im übrigen noch, daß sich mittlerweile das Geschichtsbild zur Entwicklung des Krieges gegen Sowjetrussland wandelt. Als sich nach dem Zerfall der Sowjetunion für kurze Zeit die Moskauer Archive öffneten, kamen bisher streng geheim gehaltene Dokumente über Kriegsvorbereitungen und den Offensivaufmarsch der Roten Armee ans Licht.
1996 berichtete zudem die große russische Tageszeitung „Iswestija“, daß die Zahl der Sowjetbürger, die auf Seiten der deutschen Armee gegen den Kommunismus Stalinscher Prägung gekämpft haben, 800 000 bis zu 1 000 000 betragen habe. Auch sie wurden nach dem Krieg, soweit sie die Kämpfe überlebt hatten, von der ganzen Härte des Systems getroffen

Es ist bemerkenswert, daß gerade in dieser Phase eine Ausstellung auf die Reise geschickt worden ist, die in nicht gekannter Weise zu einer Verleumdung der gesamten Wehrmacht ansetzt.

 


Woher stammt das Material, nach welchen Kriterien wurde es ausgewählt?


Einer der Hauptvorwürfe gegen die Reemtsma-Ausstellung besteht darin, daß ein großer Teil der Bilder unzureichend gekennzeichnet ist und deshalb kaum etwas für Heers Behauptung von der totalen Verstrickung der Wehrmacht in Kriegsverbrechen hergeben kann. In der Tat zeigt ein überaus großer Prozentsatz der Bilder Szenen, die vielfältig interpretierbar sind. Von 314 kleinformatigen Bildern sind 208 als „unbekannter Ort“ gekennzeichnet, 62 geben keinen Hinweis auf Beteiligung der Wehrmacht, 19 beziehen sich auf Vorgänge in Polen vor 1941, 15 zeigen Kriegssituationen ohne Bezug zu Heers Thema, 10 beziehen sich auf Aktionen von SS, SD oder RAD (siehe Prof. Seidler).
Sicherlich sind sie fast ausnahmslos Beweis für das Grauen des - eines jeden - Krieges. Brennende Häuser, Gehöfte, Dörfer oder Städte sind immer schrecklich; flüchtende Menschen, Kolonnen von Gefangenen oder Deportierten deprimieren jeden einigermaßen sensiblen Betrachter; exekutierte Männer und Frauen schließlich, Bilder von Hinrichtungen stellen den Höhepunkt des Entsetzens dar.
Kann man allerdings einem brennenden Haus ansehen, daß die Wehrmacht es in Brand geschossen oder angezündet hat? Sind Photos erhängter Zivilisten ein Beweis dafür, daß Wehrmachtsangehörige sie getötet haben? Ist aus Bildern von Soldaten, die mit übergehängtem Gewehr Zivilisten eskortieren oder neben ihnen stehen, zu schließen, daß sie sie unmittelbar danach erschießen werden?
Wenn man Heers Bildunterschriften glaubt, ist es so. Versucht man aber den Wahrheitsgehalt seiner Unterschriften zu überprüfen, erlebt man zu häufig bestürzende Verfälschungen.

Verfälschungen durch Heer

Unter der Überschrift „Warnung vor Bild 26“ (Katalog 3. Aufl. April 1997 Seite 115) weist zum Beispiel der FOCUS 16/17 des Jahres 1997 nach, daß dem stark retuschierten Photo von nackten, halbnackten und sich gerade entkleidenden Männern keineswegs die Bildunterschrift zugeordnet werden kann: „Juden werden exekutiert“. Heer hatte just dieses Photo laut FOCUS als „eines der bekanntesten Bilder des Holocaust außerhalb der Vernichtungslager“ bewertet. Gefunden hatte er das und zwei ähnliche Bilder in der Ludwigsburger Zentralstelle für NS-Verbrechen. Deren Leiter allerdings, Staatsanwalt Willi Dreßen, verweist auf eine Bildunterschrift noch aus NS-Zeiten, wonach es sich um Juden vor einem Bad im Fluß (der auf dem nicht retuschierten Original deutlich zu sehen ist) handele. Eine andere Kennzeichnung aus den 60er Jahren spricht von „Arbeitssklaven in Polen“. Dreßen hatte bereits 1992 Hinweise auf diese Deutungen gegeben, woraufhin das Reemtsma-Institut erklärte, Heer habe das Bild bereits 1991 reproduziert und den Warnhinweis deshalb nicht sehen können. FOCUS merkt dazu an, daß Heer erst seit 1993 Mitarbeiter bei Reemtsma sei.

Nachdem die Verfälschung enthüllt worden war, wurde das Bild kürzlich aus der Ausstellung entfernt.

Auf den Seiten 28 bis 31 wird über die Ermordung von Zivilisten durch Angehörige des Wehrmachtsregiments „Großdeutschland“ am 22.4.41 berichtet: „Wehrmachtsangehörige trieben wahllos Einwohner der Stadt zusammen“ (als Vergeltungsmaßnahme im serbischen Pan evo, nachdem zuvor zwei SS-Männer ermordet worden waren). Auch die weiteren Angaben sind sehr konkret: 18 Menschen seien im Friedhof von Pan evo erhängt worden, weitere 18 an der Friedhofsmauer erschossen worden. Der Photograph der in der Ausstellung gezeigten Bilder, G. Gronefeld aus München, macht dazu widersprüchliche Angaben: einmal seien es wahllos zusammengetriebene Zivilisten gewesen, einmal 20 verurteilte Serben. Augenzeugen des Vorfalls, Soldaten des Regiments, bestätigen, daß es sich um Erschießungen bzw. Erhängungen am Friedhof von Pan evo handele. Es habe jede Nacht von diesem Friedhof aus Attentate auf deutsche Soldaten und dort lebende Angehörige der deutschen und ungarischen Minderheit gegeben. Durch einen serbischen Jungen habe man einen Hinweis auf ein Partisanenversteck in einer Gruft des Friedhofs bekommen; es seien dann 18 Partisanen (darunter eine Frau) festgenommen, nach einem Standgerichtsverfahren wegen Mordes verurteilt und schließlich hingerichtet worden. Neun seien an der Mauer erschossen, die anderen auf dem Friedhof erhängt worden. Bei genauer Überprüfung zeigen die Bilder auch diese Anzahl - deren Deutung allerdings widerspricht den durch zahlreiche Zeugen bestätigten Fakten!

Eine weitere Verfälschung hält der FOCUS 17/97 fest. In seinem Begleitbuch „Vernichtungskrieg“ auf Seite 71 und im Katalog Seite 118 schreibt Heer, die 8. Kompanie habe das Ghetto von Nieswicz geräumt und 4.500 Juden ermordet. Als Quelle nennt er die dazugehörige Ermittlungsakte der Zentralstelle Ludwigsburg. Dort jedoch ist unter dem Aktenzeichen 117 Js 9/71 lediglich festgehalten, die Massenerschießungen seien unter der Leitung unbekannter Polizeiangehöriger durch litauische Hilfswillige durchgeführt worden. Eine Beteiligung der Wehrmacht an der Aktion habe es nur insofern gegeben, als ein Oberfeldwebel der 8. Kompanie auf Anweisung eines Polizeioffiziers Gräber habe ausheben lassen.

Der Vorgang an sich, die Ermordung von 4.500 Juden, bleibt selbstverständlich grauenhaft, auch wenn sie „nur“ durch Polizeikräfte bzw. litauische Hilfstruppen erfolgt ist. Empörend ist jedoch auch der Versuch, ihn der Wehrmacht zu unterstellen.

Der Historiker Dr. Hartmut Schustereit, ehemaliger Mitarbeiter des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes des Bundesministeriums für Verteidigung (MGFA) vergleicht ebenfalls verbürgte, in Archiven überprüfbare Quellen mit Heers „Interpretationen“ seines Begleitbandes. Zunächst schildert er - was Heer unterläßt -, daß die sogenannte „Eingreiftruppe Anderssen“ aus konkretem Anlaß gegen eine Partisanengruppe eingesetzt worden sei. Im Rahmen dieser Aktion ist es zu Festnahmen und Erschießungen gekommen (Quelle Tätigkeitsbericht 15.9.41, Lage- und Gefechtsberichte, Gefangenenaussagen vom 22.6. bis 15.9.41, K.T.B. - Rußland Akte I; Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg, RH 26-252/89, Bl. 194-199).

Quelle:
„Der Verwalter des Kolchosgutes Schumenitze ist von einem ehemaligen Soldaten mit der Waffe bedroht worden. Ein Kommando von 1:3 wurde sofort mit einem PKW losgeschickt und nahm auf diesem Gut nach Aussage des Verwalters 4 Kommunisten fest. Der mit der Waffe angetroffene Arbeiter, ehemaliger Soldat, wurde sofort erschossen“.
Heer:
„Das Kommando geht daraufhin zu im Bericht nicht mehr begründeten Polizeiaktionen über: Es verhaftet ‘vier Kommunisten’, erschießt einen ‘ehemaligen Soldaten‘?. (S. 110)

Heer unterschlägt also wissentlich, daß es sich bei der Aktion um eine begründete Maßnahme gegen einen bewaffneten ehemaligen Soldaten handelt.

Quelle:
„Nach weiteren Aussagen soll sich in Muschine eine Partisanengruppe aufhalten. Ein in der Nacht vom 9./10.9. angesetzter Spähtrupp der 6./472 brachte 50 verdächtige Männer mit; davon waren 40 ehemalige Soldaten und wurden dem Gefangenenlager überwiesen“.
Heer:
„Das Kommando ‘verhaftet 50 verdächtige Männer’“. (S.11)

Heer unterschlägt wissentlich, daß vierzig der fünfzig Verdächtigen als ehemalige Soldaten dem Kriegsrecht gemäß in ein Gefangenenlager gebracht wurden.

Die Zahl erkennbarer Manipulationen und Mißdeutungen läßt sich fortsetzen. Verwiesen sei insbesondere auf die umfangreichen Veröffentlichungen von Seidler, Schustereit und Stoecker (Armee im Kreuzfeuer, Universitas-Verlag). Heer fehlinterpretiert mit bedenklicher Systematik Quellen, Bilder und Texte, um sein Ziel, die totale Diffamierung der Wehrmacht, erreichen zu können.


Dubiose Quellen


Rechnet man die eingangs erwähnten, eindeutigen Texte Heers für nicht eindeutig identifizierbare Vorgänge zu den klaren Verfälschungen hinzu, ergibt sich bereits daraus ein bestürzendes Verleumdungszenario.
Schaut man sich die Quellen für einen großen Teil des Bildmaterials an, muß die Skepsis noch wachsen. Zum großen Teil sollen sie aus den Brieftaschen gefangener deutscher Soldaten stammen und so in die sowjetischen Archive gelangt sein. Angesichts im Verlaufe des Krieges immer einschlägiger werdender Erfahrungen der Wehrmacht mit der rigorosen Behandlung deutscher Gefangener durch die Sowjets (siehe oben), läßt sich schwer vorstellen, daß besonders viele Soldaten auf ihren qualvollen Märschen in sowjetische Gefangenenlager ausgerechnet Bilder von der Ermordung von Partisanen, Juden oder unschuldigen Zivilisten sorgfältig aufbewahrt haben. Außerdem war von deutscher Seite die Dokumentierung z.B. von Exekutionen durch normale Soldaten strengstens untersagt, so daß schon von daher die Zahl authentischer Bilder eher gering gewesen sein dürfte.


Fälschungen, Erpressungen


Dagegen ist aus zahlreichen Veröffentlichungen mittlerweile hinreichend bekannt, daß für zuständige Stellen der Sowjetmacht der Krieg auch nach 1945 noch nicht zu Ende war. Mit anderen Worten, daß die vollständige Disqualifizierung und Diffamierung des überwundenen Feindes auch nach der Kapitulation fortgeführt wurde.«t0»

Die Morde an polnischen Offizieren in Katyn etwa wurden der deutschen Seite unterstellt: 16 Soldaten hätten vor sowjetischen Tribunalen zugegeben, an der Ermordung von 15.000 Soldaten und Offizieren beteiligt gewesen zu sein. An sieben von ihnen wurde dafür das Todesurteil vollstreckt.
Heute wissen wir, daß die Ermordung insbesondere polnischer Offiziere ein wohlbedachter brutaler Akt Stalins war, um der polnischen Armee jede Fähigkeit zu nehmen, sich noch einmal gegen die Sowjetunion zu wenden. Dazu ist bekannt, daß in Schauprozessen wie zum Beispiel dem von Minsk nachweislich unzählige Geständnisse über angebliche Verbrechen von den durch Hunger und Krankheit demoralisierten deutschen Angeklagten erpreßt wurden.
Wer könnte beschwören, daß nicht auch ein Teil des Bildmaterials samt erklärenden Angaben auf ähnliche Weise zustande gekommen ist? Vor allem, da in anderen Bereichen die teilweise perfekten Dokumentenfälschungen der zuständigen sowjetischen Spezialisten zum Zweck der psychologischen Kriegsführung seit langem wohlbekannt sind. Fälschungen, die auch von ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet erst nach intensiven technischen Analysen erkannt werden. Wobei man die Frage stellen darf, ob Heer, der die Bilder vorselektiert hat, ehe der Kommunikationsdesigner Christian Reuther sie nach gestalterischen Gesichtspunkten für die Ausstellung ausgesucht hat, für diese heikle Aufgabe wirklich geeignet gewesen ist.
Und: Tut man Hannes Heer angesichts der nachgewiesenen Manipulationen und Verfälschungen unrecht, wenn man für möglich hält, ihm wäre es vielleicht gleich gewesen, woher bestimmte Unterlagen gekommen seien.
Die Staatsanwaltschaft München 1 zumindest wertete 1997, es bestünden erhebliche Bedenken gegen die vorgegebene Wissenschaftlichkeit der Ausstellung, die auch dadurch in Zweifel gezogen werde, daß offenbar verfälschte Bilddokumente Verwendung fänden. Der zuständige Oberstaatsanwalt ließ dabei unklar, wer die Fälschungen zu vertreten habe.



Kritik an der Reemtsma-Ausstellung auch aus dem heutigen Polen

Bis in die jüngste Zeit haben die Veranstalter der Ausstellung jegliche Kritik an ihrer Schau, gleich ob sie von deutschen Historikern oder betroffenen Wehrmachtsangehörigen kam, zurückgewiesen oder als „revisionistische Rechtfertigungsversuche ewig Gestriger? abgetan. Seit kurzem dürfte dies nicht mehr so einfach sein. Bereits über zwei Jahre beschäftigt sich nämlich der polnische Historiker
Dr. Bogdan Musial intensiv mit der Wehrmachtsausstellung, die er damals in Bremen besucht hat. Angesichts verschiedener Bilder, die laut Ausstellungstext durch Wehrmachtsangehörige Ermordete zeigen sollen, befielen ihn Zweifel an der Richtigkeit der Bildunterschriften. Er war vielmehr der Ansicht, es könne sich um Photos exhumierter Leichen handeln. Um Klarheit über den Sachverhalt zu gewinnen, startete Musial eine umfangreiche Untersuchung, während der er die Originalschauplätze der Bilder in Polen, Weißrußland und der Ukraine aufsuchte, Bildmaterial mit den Photos der Ausstellung verglich und mit Zeugen sprach.
Ergebnis seiner gründlichen Recherche ist, daß bestimmte in der Ausstellung vorgewiesene Abbildungen nicht unbedingt Verbrechen deutscher Soldaten zeigen, sondern daß es auch vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordete Zivilisten sein könnten. In dem kleine Museum im galizischen Ort Zloczow zum Beispiel stieß er auf Bilder, wie die Ausstellung sie zeigt, nur hängen sie dort als Beweis für sowjetische Greueltaten.
Eine heute einundneunzigjährige Augenzeugin von damals, Leontyna Terletzka aus Zloczow, hat die Zusammenhänge als Photographin in etlichen Bildern dokumentiert. Die Ereignisse gehen danach zurück auf den Juni 1941, als kurz nach der deutschen Kriegserklärung gegen die Sowjetunion „alle unliebsamen und sowjetfeindlichen Elemente? in den genannten Gebieten durch den NKWD zusammengetrieben und erschossen wurden. Frau Terletzka berichtet: „Meist wurden die Körper der Erschossenen nur flüchtig mit Erde bedeckt. Kaum, daß ein halber Meter Dreck darüber geschaufelt wurde. Als die deutschen Soldaten im Sommer 1941 das Gebiet besetzten, wurden sie bei ihrem Eintreffen zu diesen Stellen geführt. Daraufhin ordneten die deutschen Militärbehörden an, daß die Juden oder russische Kriegsgefangene die Toten wieder auszugraben hätten. Zur Identifizierung der Erschossenen kamen die Angehörigen zu den Sammelplätzen. Reihenweise lagen da die Leichen. Die deutschen Soldaten zückten immer wieder ihre Kameras und knipsten die Leichenberge?. Derartige Bilder, davon geht die Photographin aus, wurden später bei gefallenen Soldaten aufgefunden, von den Sowjets beschlagnahmt und für Propagandazwecke genutzt: Eine 1942 von ihnen zusammengestellte „außerordentliche Kommission? behauptete von vielen dieser Bilder, sie bezögen sich auf Verbrechen der deutschen Wehrmacht.
Auch die heute in New York lebende Irina Horowicz, eine andere der zahlreichen von Musial befragten Zeugen, erinnert sich an die Vorgänge. Ihr Vater gehörte damals zu den Juden, die auf deutsche Weisung die Toten zu exhumieren und zu säubern hatten, bevor sie auf dem städtischen Friedhof bestattet wurden.
Bogdan Musial war sich der Brisanz seiner Forschungen durchaus bewußt, zumal er eine gewisse Furcht vor „Beifall aus der rechten Ecke? hatte. Er entschloß sich aber - auch auf den Rat des Direktors der Hauptkommission zur Aufklärung sowjetischer Verbrechen in Polen, Prof. Richard Kuslesza - aus Gründen wissenschaftlicher Redlichkeit dennoch zur Veröffentlichung! 1997 habe er auch Hannes Heer über die Zusammenhänge informiert.
Am 28. Januar 1999 konfrontierten die LÜBECKER NACHRICHTEN einen der Mitarbeiter der Ausstellung mit Musials Erkenntnissen und gaben ihm im selben Beitrag Gelegenheit zu einer Stellungnahme. Zwar räumt er ein, daß die Aufnahmen nicht mehr eindeutig zuzuordnen seien. Es seien aber damals „von deutschen Truppen und Ukrainern“ 3000 Juden in Zloczow ermordet worden, so daß „wahrscheinlich beide Opfergruppen? abgelichtet worden seien. Deshalb sei es legitim, die Bilder in der Ausstellung zu zeigen. Bisher liege kein Nachweis vor, daß die Photos vor dem deutschen Einmarsch am 1. Juli 1941 entstanden seien.
Diese Wertung steht in eindeutigem Gegensatz zu den Berichten von Augenzeugen jüdischer und polnischer Herkunft, denen die entsetzlichen Vorgänge der damaligen Zeit unauslöschlich eingeprägt sein dürften. Zudem ignoriert sie in entscheidenden Punkten die wissenschaftliche Arbeit wichtiger polnischer Nachkriegshistoriker, die gewiß über jeden Verdacht einer wie auch immer gearteten Parteinahme für das nationalsozialistische Deutschland bzw. dessen Wehrmacht erhaben sind.
Der Vorgang bedarf keiner weiteren Kommentierung.

Fazit


Sicherlich ist die Heer-Schau bei aller wissenschaftlichen Unzulänglichkeit, erkennbaren Manipulation und politischen Fragwürdigkeit ein dennoch erschütterndes Dokument der Grausamkeit des Krieges. Leider ist unzweifelhaft, daß sich einzelne Gruppen und Personen innerhalb der deutschen Wehrmacht während des Krieges im Osten in Verbrechen verstricken ließen.
Aber es bleibt eine unglaubliche Verleumdung, daß die Wehrmacht als verbrecherische Organisation des vergangenen Krieges zu bezeichnen sei. Auch Wissenschaftler, die sich mit dem Dritten Reich und Hitlers Kriegszielen - angefangen bei völkerrechtswidriger Behandlung Kriegsgefangener bis zu den Judenmorden - außerordentlich kritisch auseinandersetzen, machen dies in zahlreichen Stellungnahmen deutlich.
So merkt Prof. Gerhard Kaiser, Mitarbeiter des schon zuvor erwähnten Militärgeschichtlichen Forschungsamtes („Info für die Truppe“), an, die Ausstellung des Reemtsma-Institutes biete eine „demagogische Inszenierung von Quellenmaterial“. Er verweist auf die erste Schauwand, die lachende Wehrmachtsangehörige mit gerupften Hühnern und gleich daneben ein Photo von gehenkten Zivilisten zeige. Es gebe keinerlei sachlichen Zusammenhang zwischen den Aktionen, so daß man zugespitzt sagen könne, „nicht nur das Dargestellte, sondern auch die Montage - einschließlich der Insinuation, für die Grinsenden sei das Aufhängen von Hühnern und von Menschen einerlei - ist inhuman“. Er schließt seinen Beitrag mit der Feststellung, daß sich in der Ausstellung durchgängig ein „Geist der Rechthaberei und der Häme“ finde, „der sich in der Pointe zusammenfaßt, die Stellwände des konzentriertesten Grauens in Form eines Eisernen Kreuzes anzuordnen“. Es stehe historisch für die Freiwilligen des Freiheitskrieges von 1813. „Die Nazis haben es verbrecherisch mißbraucht. Hier wird es denunziatorisch mißbraucht“.
Auch Dr. Rolf Dieter Müller, ein anderer Mitarbeiter des MGFA, der selbst „Anstöße“ in Heers Ausstellung zu erkennen glaubt, urteilt vernichtend (Militärgeschichtliche Mitteilungen 54; Heft 1): „Den Ausstellern geht es aber allem Anschein nach um die Dämonisierung der gesamten Wehrmacht ... Die Zeugnisse werden unkritisch und kumulativ angeboten. Was sich als Didaktik der Ausstellung rechtfertigen mag, bleibt wissenschaftsmethodisch und politisch fragwürdig ... Eine Facette der Wehrmachtsgeschichte wird massiv angeprangert und zum eigentlichen Kennzeichen stilisiert“.
Der Journalist und Publizist Rüdiger Proske, SPD-Mitglied, der die Ausstellung wissenschaftlich für einen nicht diskutierbaren Fehlschlag, politisch aber als Erfolg bezeichnet, resümiert in seinem Buch „Vom Marsch durch die Institutionen zum Krieg gegen die Wehrmacht“: „Es hat in diesem Krieg in der Wehrmacht weder nur ein paar Hundert, noch 900 000 Verbrecher gegeben. Aber eins zeigen die Zahlen doch, nämlich daß die Absicht, die Wehrmacht pauschal als eine Organisation von Verbrechern darzustellen, an jedem Versuch, sich der Wahrheit auch nur zu nähern, vorbeigeht“.
Prof. Günther Gillessen von der renommierten FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG wertet zutreffend: „Die Veranstalter haben nur einen Feind: die Wehrmacht. Was Heer ein ‘Angebot zum Dialog’ über die Wehrmacht nennt, ist die wohlbekannte Technik der ‘Aufarbeitung der Geschichte’ in Form von Tribunalen, in denen das Urteil schon vor Beginn feststeht und Einzelheiten nur stören könnten“, und schließt: „Heers Ausstellung hat wenig mit Wissenschaft zu tun und viel mit pamphletischer Collage. Er trifft damit einen Nerv der Nach-Zeit, ihr Bedürfnis nach Betroffenheit, vor allem wenn sie Fernliegendem gilt. Je weiter diese Vergangenheit entschwindet, desto mehr fängt das Schuldempfinden der Nation an zu vagabundieren, statt nach genau zu berichtenden Ereignissen und sorgfältig zu erforschender Schuld zu verlangen. So verkommt nicht nur Geschichte, sondern auch Moral“ (FAZ 6.2.96).
Die WELT AM SONNTAG berichtet am 30. März 1997, der ehemalige Bundestagsabgeordnete Dr. Alfred Dregger habe bei seinem damaligen Verteidigungsminister Volker Rühe eine seriöse wissenschaftliche Untersuchung über Inhalt, Zweck und Wahrheitsgehalt der Ausstellung als zwingend notwendig eingefordert.
Sein Verlangen ist nicht nur berechtigt, sondern im Sinne einer objektiven Geschichtsschreibung, die allein insbesondere jungen Menschen eine tragfähige Basis für ihre eigenen Entscheidungen bieten kann, absolut unerläßlich.
Da sich aber bislang in dieser Richtung nichts getan zu haben scheint, dürfte die Erwartung heute, nach dem Wechsel zu Rot-Grün, gegenstandslos geworden sein. So wird die Heer-Schau weiter durch die Lande ziehen, der Wahrheit zum Trotz und den Veranstaltern zur Genugtuung.
Günther Gillessen hat recht: So verkommt nicht nicht nur Geschichte, sondern auch Moral!

 

 

Schrifttum