DIE WELT:
Ausstellung und Einstellung
Der Hamburger Bilderschau zur Wehrmacht ging es nicht um historische Aufklärung
Essay von Jörg Friedrich
Es zeugt von Charakter, sich der Unheilsgeschichte des Hitlerreichs zu widmen. Niemanden beschwert sie heftiger als die Generationen, die nichts davon erlebt haben, und keiner redet so ausgiebig von deutscher Schuld wie die unter 60jährigen, die persönlich davon unberührt sind. Zu den beredtesten Bekennern zählen jene, die das Stochern in DDR-Schandtaten anwidert, die Schlußstriche anmahnen, Menschen nicht in die Ecke stellen, gar kriminalisieren wollen, den Respekt vor schwierigen Biografien einklagen und so weiter. Damit sollte mal ein Wehrmachtsveteran kommen!
Der Besuch der Wehrmachtausstellung hat die junge und mittlere Generation in Entsetzen gebadet vor einer Schlächterhorde, die Krieg inszeniert, um niedrige Instinkte auszuleben. Fotos und Dokumente beweisen das. Etwas anderes als pure Mordlust ist nämlich nicht zu erkennen. Das wird geglaubt, und wer lauter Bilder Blumen streuender Litauer ausstellte, welche die Wehrmacht als Befreier empfangen, Fotos dankbarer Ukrainer, denen deutsche Befehlshaber Kirchen öffnen, Sportfeste organisieren, Kanalisation anlegen, dem würde nichts geglaubt. Allenfalls, daß er an Goebbels anknüpft. Richtig! Aus der Unmasse der Zeugnisse läßt sich alles herausfiltern, garantiert echt! Man könnte auch aus dem angloamerikanischen Bombenkrieg über Deutschland und Japan Bilder auswählen, welche die Befreier als die abscheulichsten Kinderschlächter der Zivilisationsgeschichte auswiesen. Die Methode Goebbels beweist, was immer sie will; die Wissenschaft hingegen sollte das Signifikante wiedergeben, das die Flut der Geschehnisse Bezeichnende. Eigentlich weiß das jeder. Ebenso weiß man, daß zum Rußlandkrieg die Rote Armee gehört, Stalins willige Vollstrecker. Das Ausstellungspublikum vermißt sie aber keineswegs im Bild. Es will auch nicht wissen, was die zwei Dutzend ausgestellter Feldpostbriefe über die Abermillionen dieser Schreiben aussagen. Das fragt gar keiner. Ist dies Menschenfressergemüt typisch? Keiner weiß darüber, aber jeder weiß Bescheid. Das heißt, es geht Anbietern und Nachfragern der Wehrmachtausstellung weder um historische Kenntnisse noch um ein abgewogenes Rechtsurteil. Vom Kriegsrecht verlautbart die Schau über Kriegsverbrecher sowieso keinen Satz. Das gesunde Volksempfinden findet sich auch ohne zurecht. Die Ausstellung widerspiegelt nämlich eine Einstellung, und die steckt tiefer.
Treuherzig beten die TV-Moderatoren und Kulturredakteure seit vier Jahren den Refrain, endlich nun werde der Mythos der sauberen Wehrmacht zerpflückt. Das sind Jugenderinnerungen! Um 1968 war es einmal das Pläsier der akademisch Heranwachsenden, ihren Professoren, den Richtern, Generälen, Regierungsangehörigen und Industriellen ihr Vorleben im Dritten Reich anzukreiden. Zur Überraschung der Welt hatten sich diese Eliten bereits dauerhaft davon gelöst. Nur ihre Kinder konnten sie davon nicht überzeugen. Diese entlarvten die Bundesrepublik als Hort der Altnazis. Die seien nie Demokraten geworden, sondern autoritäre Militaristen geblieben, demokratisch maskiert. Ihre Demaskierung ist bis heute der Beruf ihrer Nachkommenschaft. Es ist ihre Lebensaufgabe, sie kann sich nicht genug daran tun.
Nachdem diese nun angejahrte Jugendbewegung an der Linksgestaltung der Zukunft scheiterte, gestaltete sie die Vergangenheit. Nun wußte sie wieder weiter. Sie wußte 1989 genauestens, wie man 1939 als Deutscher hätte handeln sollen. Dabei gewannen die Vergangenheitsbewältiger eine höchst imposante moralische Statur. Jetzt nicht mehr als Sozialrebellen, sondern als laut pochendes Gewissen der Nation zur Führung berufen! Damit war 1990 schon wieder Schluß. Der Sozialismus war nicht auf-, sondern untergegangen. Die DDR, das Produkt der Reichsteilung, war nicht das friedensfördernde Ergebnis des Zweiten Weltkrieges. Sie war ein kollabierter Quislingsstaat. Den despotischen Quislingen hatte man aufgewartet, mancher sie einstmals als Genosse angeredet. Und die Uhren der Geschichte hatte man nicht lesen können. Die Geschichtspathetiker waren geschichtsblind, deklassiert von dem verachteten Pfälzer Kohl. Um die Sprache wiederzufinden, griff man prompt in die Knüppelkiste der Vergangenheit. Nun komme Auschwitz wieder, komme das IV. Reich, der Rußlandfeldzug mit dem Scheckheft.
Das vereinte Deutschland ist ein historisches Subjekt, dem wir mental nicht entsprechen. Wir sind Teilstaatenbewohner, faltig gewordene Besatzungskinder, Übergangsgenerationen. Hatten wir zuletzt nicht mehrheitlich die Wiedervereinigung als ewiges Rollback ewiggestriger Reaktionäre verworfen? Im heiligen Eifer stelzte diese Lehre der Vergangenheit jahrzehntelang von Ost nach West und retour. Nun lebt man in diesem mordsgefährlichen Wolkenkuckucksheim! Das zusammengefügte deutsche Haus dünkte die Fortschrittlichen von vorgestern ein Gespensterhaus. Klebte an den Wänden nicht noch das Blut ungesühnter Verbrechen? Waren es nicht die Wehrmachtsmänner, welche die Bundesrepublik aufgebaut hatten? Irgendwie hatten die Kalten Krieger gesiegt, und ihre neue Ostfront rollte. Das Reich steht auf, der Sturm bricht los, der zähe Widerstand erlischt! Die Leichenberge, die es einst aufgehäuft, müssen nun als die seelischen Dämme dienen. Schaut auf dies verschwiegene Erbe! Das ist das Gefühlsgemenge, aus dem die Wehrmachtausstellung entstanden ist.
Sie hatte in den zehn Jahren davor zwei Vorläufer ähnlicher Machart. Diese wurden in den Blättern artig begrüßt als endliches Ende der Legende von der sauberen Wehrmacht, fanden aber kein Publikum. Zwischen 1995 und 1999 erst kam die Massennachfrage auf nach den Hamburger Horrorclips. Sie brachten nichts Neues, erneuerten aber einen alten Argwohn. Der Rekordbesuch, die Pressehymnen, die Hofknickse der Wissenschaft fügten sich zu einer Sakralaura zusammen, die ohne Beispiel ist.
Was immer hier einer macht, wird sonst von irgendwem madig gemacht. Allein die Wehrmachtausstellung schritt unangefochten, als Tabernakel der Vergangenheitsbewältigung, durch die Städte. Die armseligen Krawalle der Glatzen gehörten, als SA-Aktivitäten vom Dienst, zum Event. Nun sind über Nacht bisherige Herolde der Ausstellung zu ihrer Reparatur herangezogen worden. Schön. Wer aber repariert die Einstellung dahinter, die der wahre Schaden ist?
Jörg Friedrich ist Historiker und lebt in Berlin. Er schrieb u.a.: Gesetz des Krieges. Das deutsche Jahr in Rußland.
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Wilkomirskis Shoah-Erinnerung und der Trick des Kino-Formates
Von Susanne Leinemann
Der Vorwurf reicht weit. Ein kalt geplanter Betrug, sagt der Schweizer Journalist Daniel Ganzfried sei Bruno Doessekkers - alias Binjamin Wilkomirski - Buch Bruchstücke gewesen. Ein mit Absicht gefälschter autobiografischer Text über eine Kindheit im KZ, geschrieben für ein weltweit holocaustinteressiertes bis -hungriges Publikum.
In Deutschland reagierte, zwar mit Verspätung, aber erschrocken, der Suhrkamp-Verlag, zog das Buch vom Markt, in Amerika folgte jetzt der New Yorker Verlag Schocken Books. Tatsächlich scheint der Schweizer Autor Wilkomirski über die Zeit der Vernichtung gut informiert zu sein. An die 2000 Bücher soll er zur Shoah in seinem Haus gesammelt haben, ein Archiv des Grauens sozusagen, aus dem er jederzeit Fakten und Geschichten abrufen kann.
Stimmt der Vorwurf einer kalkulierten Täuschung, dann lohnt es sich, das Buch noch einmal zu lesen - um zu sehen, wofür Leser empfänglich sind, was in der heimatlichen Sammlung von Erinnerungsliteratur offensichtlich noch fehlte. Denn Wilkomirski ist mit seinen fantasierten Gedächtnissplittern in eine Lücke gestoßen, die immer stärker in der öffentlichen Holocaust-Wahrnehmung klafft: zwischen den differenzierten und literarisch gebrochenen Memoiren eines Imre KertÈsz, Jorge Sempr™n oder einer Ruth Klüger und dem filmischen Abziehbild ý la Steven Spielbergs Schindlers Liste. Erreichen die Bücher eine hohe Künstlichkeit auf dem Hintergrund echter Erinnerung, so schafft der Film mit Hilfe der Fiktion ein Gefühl von historischer Wahrheit. Wilkomirski nimmt den Mittelweg. Er hat Kino geschrieben - im Anspruch authentisches.
Ein Beispiel: Ich hob den Kopf und sah direkt in eine schwarze Stiefelspitze, die auf mein Gesicht zielte. Die Szene einer Bestrafung des kleinen Binjamin, dem in der KZ-Baracke die Schuhe geklaut wurden und der jetzt barfuß das Tempo seiner Kinderkolonne verlangsamt, beginnt mit einem Blick durch die subjektive Kamera. Schnitt. Ich war schnell genug, mich wegzudrehen, und sie traf nur meinen Hinterkopf. Perspektivenwechsel. Der Blick fokussiert nun von außen auf den Kopf des Jungen. Schnitt. Der Schlag hob mich hoch und warf mich quer auf den Pfad. Der Zoom der Erzählung hat sich geöffnet. Nun ist die ganze Kulisse zu sehen - die Böschung, der Schnee, die anderen KZ-Kinder. Wie das Story-Board für eine Kino-Szene folgen die Sätze aufeinander.
Auch die Figuren des Bösen skizziert das Buch so eindeutig, wie sich das ein Hollywood-B-Movie nur wünschen kann: Weit vorne, genau gegenüber, kaum erkennbar, waren die Umrisse einer Blockowa oder einer grauen SS-Helferin zu sehen, daneben, groß, drohend und in Stiefeln eine schwarze Uniform. Übermächtig stehen sie auf dem KZ-Gelände, sprechen kaum ein Wort und bleiben ohne Gesicht.
Besonders aber schlägt die Brutalität und Härte des Buches beim Lesen in den Bann. Eine riesige, blutverschmierte, glänzende Ratte bricht durch die Bauchdecke aus dem Unterleib einer toten Frau, im eigenen Barackengang versinkt Binjamin bis zu den Waden im Kot. Die Liste der Grausamkeiten auf 134 Seiten Text läßt sich fortsetzen.
Alles, was Wilkomirski in seinem Buch an Szenen beschreibt, hat es im KZ-Lagerkosmos gegeben. Aber wenn Überlebende berichten - ob literarisch oder als Augenzeugenberichte - dann widerstrebend, gebrochen oder manchmal seltsam sachlich und kühl; so, als sei die unerträgliche Erinnerung nur so in Worte zu pressen.
Wilkomirski, der, wie es aussieht, als Sohn einer Schweizerin geboren und 1945 von der Familie Doessekker adoptiert wurde, kennt das KZ nur aus der späteren Vermittlung. Sein Buch ist ein Spiegel der Lesebedürfnisse einer Gesellschaft, die - wider das Vergessen - immer stärker beansprucht, ein Recht auf die Erinnerung von Überlebenden zu haben. Aber so windschnittig wie
Hollywood funktioniert das Gedächtnis nicht. Wer sich mit ehemaligen KZ-Häftlingen beschäftigt, muß sich mit unwilliger Erinnerung auseinander setzen, die kompliziert aber überlebenswichtig ist. Wilkomirski dagegen hat es dem Leser trivial einfach gemacht.
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